Der Ukraine-Krieg

Last Updat­ed on 2. Mai 2026 by Upside­down


Rus­s­land muss ein­fach nur seine Nach­bar­län­der in Ruhe lassen. Dann würde keins davon Mit­glied in der NATO sein wollen.

Rus­s­land wurde durch nichts provoziert, die Ukraine anzu­greifen. Alles, was eine Pro­voka­tion für Putin sein kön­nte, wäre das ukrainis­che Streben nach Eigen­ständigkeit, mehr Demokratie und weniger Kor­rup­tion. Doch das kann Putin nicht zulassen. Nur deswe­gen führt er Krieg gegen dieses Land.

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AfD, BSW, Kle­in­st­parteien am linken und rechen Rand und auch die Linkspartei (obwohl man es dort nicht direkt ausspricht) beze­ich­nen die Hil­fe zur Vertei­di­gung als Kriegspoli­tik. Sie sagen: Damit nie­mand mehr ster­ben muss, wäre es vernün­ftig, diesen Krieg zu been­det.

Selt­samer­weise appel­lieren sie damit nicht an die Kriegspartei, die den Krieg begonnen hat und ohne die es ihn gar nicht geben würde. Auch fordern sie Chi­na, Nord­ko­rea und Iran nicht auf, keine Waf­fen und Krieg­stech­nolo­gie mehr an Rus­s­land zu liefern. Stattdessen erwarten sie, dass dem ange­grif­f­e­nen Land nicht geholfen wird, sich zu wehren. Das ist ihre Vorstel­lung von Frieden.

In Wirk­lichkeit geht es diesen Leuten und Grup­pierun­gen nicht darum, das Ster­ben in der Ukraine zu been­den. Die Ukrain­er sind ihnen egal. Der eigentliche Grund für ihren “Friedens-Appell”: In diesem Kon­flikt repräsen­tiert die Ukraine die offene und frei Gesellschaft und Rus­s­land die geschlossene und autoritäre. Und da AfD, Wagenknecht & Co. die offene und frei Welt ablehnen, nehmen sie Partei für Putin, der eben­falls ein Geg­n­er der offe­nen und freien Welt ist.


Russland nötigt seine Nachbarländer, der NATO beizutreten


Es ist eben nicht so, dass sich die NATO an die baltischen Staat­en (Litauen, Let­t­land und Est­land) gewandt hat­te und diesen Län­dern die Mit­glied­schaft in diesem Mil­itär­bünd­nis ange­boten hat­te. Litauen, Let­t­land und Est­land waren es, die die NATO um Mit­glied­schaft gebeten hat­ten, weil sie fürcht­en mussten, früher oder später von Rus­s­land annek­tiert zu wer­den. Es war ein­fach nur Selb­stschutz. Und auch die Ukraine will nur aus dem­sel­ben Grund NATO-Mit­glied wer­den: Man will ein­fach nicht über­fall­en wer­den!

Putins Behaup­tung, die Ukraine angrif­f­en zu haben, um die Aus­bre­itung der NATO im Osten zu ver­hin­dern, ist daher eine Lüge. Nicht die NATO will sich im Osten aus­bre­it­en, son­dern Rus­s­lands Nach­bar­län­der haben ein­fach nur Angst vor Rus­s­land! Und wie Georgien wollen sie kein Vasal­len­staat Rus­s­lands sein (wie Belarus es bere­its ist). Kann man ihnen das etwa verü­beln?

Doch Putins Sym­pa­thisan­ten tun so, als wäre es umgekehrt: Rus­s­land wäre in Wirk­lichkeit nicht der Aggres­sor und keine Gefahr für seine Nach­bar­län­der. Man merkt ihnen auch an, dass sie Sachen denken wie: “Es ist doch gar nicht so schlimm, wenn man von Rus­s­land annek­tiert wird.”

Putins verzerrtes Verständnis von Gleichberechtigung

Rus­s­land will gle­ich­berechtigt sein, behält sich aber das Recht vor, nach Belieben seine Nach­bar­län­der angreifen zu dürfen.

Putin hat im Jahr 2000 gesagt: „Wir glauben, dass wir über eine tief­ere Inte­gra­tion mit der NATO sprechen kön­nen, aber nur, wenn Rus­s­land als gle­ich­berechtigter Part­ner ange­se­hen wird“. Und die west­liche Welt wollte Rus­s­land auch als gle­ich­berechtigten Part­ner haben!

Doch Putin hat durch seine Kriege, Aggres­sio­nen und seinen undemokratis­chen und krim­inellen Umgang mit der Oppo­si­tion in Rus­s­land gezeigt, eben kein gle­ich­berechtigter Part­ner sein zu wollen, denn solche haben keine “Son­der­rechte”, die es einem erlauben, andere Län­der anzu­greifen. Auch indem er dem ehe­ma­li­gen Dik­ta­tor Syriens (Baschar al-Assad) geholfen hat, sein eigenes Volk zu bekämpfen, hat er gezeigt, wed­er ein Demokrat, noch ein Men­schen- und Friedens­fre­und zu sein.

Rus­s­land (in Gestalt von Putin) will gle­ich­berechtigt sein, behält sich aber das “Recht” vor, seine Nach­bar­län­der als seinen Ein­fluss­bere­ich zu ver­ste­hen und auch mil­itärisch gegen diese vorge­hen zu dür­fen. Keins der NATO-Mit­glied­slän­der besitzt ein solch­es Recht und würde es auch nicht haben wollen.

Putin erwartet, dass der West­en darüber hin­wegsieht und ist jet­zt verärg­ert, weil man es ihm nicht durchge­hen lässt.

Putins paranoide Angst vor dem Westen

Warum darf die Ukraine nicht mit anderen Län­dern mil­itärisch zusam­me­nar­beit­en? Rus­s­land darf das doch auch! Warum darf die Ukraine kein Mit­glied in der NATO sein? Und warum will Putin nicht, dass Rus­s­land EU-Mit­glied wird, in einem offe­nen und freien Europa? Rus­s­land würde davon nur prof­i­tieren.

Es geht Rus­s­land nichts an, was seine Nach­bar­län­der tun und Rus­s­lands Nach­bar­län­der geht es nichts an, was Rus­s­land tun. Das sollte selb­stver­ständlich sein, denn es ist Stan­dard in der Welt.

Wenn Putin denkt, das Recht zu haben, Ein­fluss auf seine Nach­bar­län­der haben zu dür­fen, hat er nicht ver­standen, dass das 20. Jahrhun­dert vor­bei ist.

Wed­er die NATO noch die Ukraine und auch kein anderes Land hat vor, Rus­s­land anzu­greifen oder wirtschaftlich zu schaden. Sollte Putin das tat­säch­lich nicht wis­sen, ist er ein echter Idiot.

Der West­en ist nicht gegen Rus­s­land, doch er ver­tritt Werte, die sich mit Putins autoritärem und anachro­nis­tis­chem Herrschaft­sprinzip nicht ver­tra­gen. Denn das impe­ri­al­is­tis­che Zeital­ter ist in Europa seit ein paar Jahrzehn­ten endgültig vor­bei. Dort löst man zwis­chen­staatlichen Kon­flik­te und Prob­leme inzwis­chen auf eine zivil­isierte Art. Doch das hat Putin noch nicht verstanden.


Die Argumente der Putin-Sympathisanten


Gefahr eines Atomkrieges

Putin-Unter­stützer sagen, weil Rus­s­land eine Atom­macht ist und man keinen Atom­krieg riskieren darf, sollte die Ukraine bess­er aufgeben. Doch dieses Argu­ment ist kon­stru­iert. Denn wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass sie das nicht sagen wür­den, wären die USA der Aggres­sor in einem solchen Kon­flikt.

Wür­den beispiel­sweise die USA Mexiko über­fall­en und diesem Land das Exis­ten­zrecht absprechen, wür­den sie nicht sagen, Mexiko solle aufgeben, um keinen Atom­krieg zu riskieren.

Natür­lich ist das speku­la­tiv, es ist aber auch bekan­nt, Wagenknecht, Wei­del, Lafontaine und andere Rus­s­land­fre­unde lehnen die USA in dem Maße ab, wie sie Rus­s­land, den Haupt­geg­n­er der offe­nen und freien Welt, mögen. Deswe­gen ist die Ver­mu­tung nicht abwegig, sie wür­den in einem solchen Fall sagen: „Das darf man den USA nicht durchge­hen lassen. Deshalb müssen wir Mexiko dauer­haft unter­stützen, selb­st wenn wir damit einen Atom­krieg riskieren.“

Anmerkung: Doch das hat sich, da Don­ald Trump jet­zt erneut zum Präsi­den­ten der USA gewählt wurde, evtl. geän­dert. Denn viele Putin-Sym­pa­thisan­ten sind auch Trump-Sym­pa­thisan­ten und befür­worten deshalb alles, was dieser Mann tut.

Der Westen als Kriegstreiber

Sie sind gegen Waf­fen­liefer­un­gen an die Ukraine, aber nicht gegen Waf­fen­liefer­un­gen an Russland.

Putin- und Rus­s­land-Sym­pa­thisan­ten sagen natür­lich nicht, die Waf­fen­liefer­un­gen an Rus­s­land sind gerecht und soll­ten deshalb weit­erge­hen. Sie sprechen sich aber nicht dage­gen aus, so wie sie sich gegen Waf­fen­liefer­un­gen an die Ukraine aussprechen.

Die Län­der, die die Ukraine zur Vertei­di­gung mit Waf­fen­liefer­un­gen unter­stützen, wer­den von Sahra Wagenknecht, Alice Wei­del und anderen Putin-Sym­pa­thisan­ten als Kriegstreiber beze­ich­net. Doch es ist zynisch, jeman­den, der einem Ange­grif­f­e­nen hil­ft, sich zu wehren, als Kriegstreiber zu beze­ich­nen.

Kriegstreiber kann stets nur der sein, der den Krieg macht, ihn also begonnen hat und aufrecht hält. Und ich bin sich­er, Wagenknecht und Wei­del wis­sen das auch. Doch wenn Rus­s­land ein Land über­fällt, gilt diese Regel für sie nicht. Außerdem:

Warum beze­ich­nen sie nicht auch Chi­na, Nord­ko­rea und den Iran als Kriegstreiber? Denn diese Län­der liefern Waf­fen und Krieg­stech­nik an Rus­s­land, die es Putin erst möglich machen, diesen Krieg so lange führen zu kön­nen. Ohne diese Unter­stützung wäre er vielle­icht schon beendet.

Vertrauensbruch der NATO

Die NATO hat niemals gesagt: „Sollte Rus­s­land seine Nach­bar­län­der angreifen oder bedro­hen, sodass diese dann bei uns um Schutz in Form ein­er Mit­glied­schaft anfra­gen, wer­den wir wegschauen und sagen, das geht uns nichts an.“ Putin und seine Sym­pa­thisan­ten tun aber so, als hätte sie das oder etwas Sin­ngemäßes gesagt. Doch die NATO hat nur gesagt, sich nicht aus expan­sion­is­tis­chen Grün­den im Osten auszuweit­en — und das hat sie auch nicht getan und hat es auch nicht vor.

Durch seinen Angriff auf die Ukraine hat Putin die Ukraine, Schwe­den und Finn­land genötigt oder auch gezwun­gen, die NATO um einen Beitritt zu bit­ten. Wie gesagt: Diese Län­der haben ein­fach nur Angst vor Rus­s­land. Das ist der einzige Grund für ihr Mit­glieds­ge­suche bei der NATO.

Deshalb kön­nte man beina­he denken, Putin hätte bewusst seine Nach­bar­län­der provoziert, damit diese die NATO um Schutz bit­ten und er ihr dann Wort­bruch vor­w­er­fen kann.

Russland als Deutschland-Befreier

Manche Putin-Sym­pa­thisan­ten sagen, man sollte es Rus­s­land (qua­si aus Dankbarkeit) “erlauben”, sich die Ukraine und auch andere sein­er Nach­bar­län­der einzu­ver­leiben, da Rus­s­land 1945 Deutsch­land vom Faschis­mus befre­it hat. Doch Rus­s­land hat Deutsch­land wed­er befre­it, noch hat es jemals den Faschis­mus bekämpft.

Dass Rus­s­land zur Befreiung Deutsch­lands beige­tra­gen hat, war keine Absicht Stalins/Russlands, son­dern nur ein Neben­ef­fekt des erfol­gre­ichen Abwehrkampfs des deutschen Über­falls. Hätte Hitler-Deutsch­land Rus­s­land also nicht ange­grif­f­en, hätte Rus­s­land auch keinen Angriff abwehren müssen und im Zuge dieser Abwehrhand­lung auch kein deutsches Ter­ri­to­ri­um erobert.

Nur wenn Stal­in gesagt hätte: „In Deutsch­land ist eine faschis­tis­che Regierung an der Macht, das ist nicht gut für Deutsch­land. Wir müssen gegen Deutsch­land in den Krieg ziehen und es vom Nation­al­sozial­is­mus befreien.“ Nur dann würde es stim­men, zu sagen: “Rus­s­land hat Deutsch­land vom Nation­al­sozial­is­mus befreit.”

Stattdessen kon­nte Stal­in es zunächst gar nicht glauben, dass Hitler Rus­s­land ange­grif­f­en hat­te. Bis dahin dachte er, in Hitler eine Art Bünd­nis­part­ner gefun­den zu haben: Hitler bekommt Wes­teu­ropa und er die Ost­ge­bi­ete sowie die Hälfte Polens. Das war die unaus­ge­sproch­ene Abmachung zwis­chen diesen bei­den Dik­ta­toren.

In Wirk­lichkeit war es Stal­in vol­lkom­men egal, dass in Deutsch­land eine Dik­tatur herrschte, denn in Rus­s­land herrschte eben­falls eine. Hätte Deutsch­land Rus­s­land also nicht ange­grif­f­en, hätte Rus­s­land keinen Grund gehabt, gegen Deutsch­land vorzuge­hen und auch keinen Beitrag zur Befreiung Deutsch­lands geleis­tet. Dann wäre es Stal­in egal gewe­sen, was in Deutsch­land los ist.


Friedensappelle der Russlandfreunde


Auf dem Wahlplakat der Partei „Die Basis“ stand: „Wie viele Tote braucht der Frieden?“ Dieser Spruch sug­geriert, es wäre bess­er, die Ukraine kapit­uliert, damit nie­mand mehr ster­ben muss.

Auch Sahra Wagenknecht argu­men­tiert so. Eben­falls Eugen Drew­er­mann, der früher ein­mal als fortschrit­tlich­er The­ologe galt, jet­zt aber nur noch ver­bit­tert ist, an weltweite Ver­schwörun­gen glaubt (wie beispiel­sweise die Coro­na-Lüge und den Great Reset) und Ver­ständ­nis für pädophile Klerik­er hat. Er macht den “West­en” und die NATO für den Ukraine-Krieg ver­ant­wortlich. Oskar Lafontaine meint sog­ar, die USA hät­ten diesen Krieg schon vor Jahrzehn­ten geplant.

Des Weit­eren Mar­got Käß­mann, die von ihrem Kar­riere-Knick wohl doch mehr frus­tri­ert ist, als sie es in der Öffentlichkeit zeigen kann, Alice Schwarz­er, die nicht die Aufmerk­samkeit bekommt, von der sie denkt, sie würde ihr zuste­ht, Reichs­bürg­er und natür­lich auch viele AfD‑, Links-Partei- und BSW-Wähler.

Sie reden von Frieden, doch gin­ge es ihnen tat­säch­lich darum, wür­den sie Putin mit Tausenden Briefen über­schüt­ten, und ihn auf­fordern, seinen Angriff auf die Ukraine zu been­den. Stattdessen sind sie dage­gen, dass der Ukraine geholfen wird, sich zu verteidigen.

Wagenknecht sagt: Bei­de Kriegsparteien müssen den Krieg been­den, damit Frieden herrscht. Doch in Wirk­lichkeit muss das nur eine Partei tun: die, die den Krieg begonnen hat!

Würde Putin den Krieg been­det (also die Kampfhand­lun­gen ein­stellen und seine Sol­dat­en abziehen), müsste die Ukraine auf der Stelle keine Angriffe mehr abwehren. Der Krieg wäre sofort vor­bei. Doch würde die Ukraine aufhören, sich gegen Rus­s­lands Angriffe zu wehren, würde der Krieg trotz­dem weit­erge­hen. Oder denkt Wagenknecht etwa, Putin würde seine Trup­pen zurückziehen, nur weil die Ukraine aufhört, sich zu wehren? Hä?

Nur keine toten Russen mehr

Würde die Ukraine kapit­ulieren, wür­den das mit Sicher­heit nicht bedeuten, dass nie­mand mehr stirbt: Es wür­den nur keine Russen mehr ster­ben — das ist alles! Der Krieg gin­ge inof­fiziell weit­er, denn die rus­sis­chen Sol­dat­en hät­ten selb­stver­ständlich das starke Bedürf­nis, sich an den Ukrain­ern für ihren mas­siv­en Wider­stand zu rächen, durch den viele rus­sis­che Sol­dat­en zu Tode kamen.

Und es ist bekan­nt, dass in der rus­sis­chen Armee ein extrem raues und hartes Kli­ma herrscht. Als rus­sis­ch­er Sol­dat hat man es nicht leicht. Die Gewalt, die im Inneren der rus­sis­chen Arme herrscht, find­et natür­lich auch im Ver­hal­ten der Sol­dat­en gegenüber der ukrainis­chen Zivil­bevölkerung ihren Aus­druck.

Würde die Ukraine also kapit­ulieren, wür­den das den Tod viel­er ukrainis­ch­er Zivilis­ten bedeuten. Man würde foltern und Frauen verge­walti­gen. Das haben die rus­sis­chen Sol­dat­en bere­its seit Beginn ihres Über­falls getan und es gibt keinen Grund zu glauben, sie wür­den damit aufhören, nur weil die Ukraine sich ergibt. Möglicher­weise würde dieses Ver­hal­ten zunächst noch zunehmen.

Zynismus und Lebensfrust

Wenn also gefordert wird, die Ukraine sollte sich bess­er ergeben, damit nie­mand mehr stirbt, ist das reine Rhetorik und hat auch etwas Zynis­ches an sich. Es geht diesen Leuten gar nicht um Frieden. Ihr Lebens­frust und ihre Affinität für den Autori­taris­mus, dessen Aushängeschild Putin ist, sind es, die sie so denken und reden lassen.

Wagenknecht spricht es zwar nicht aus, doch zwis­chen ihren gesproch­enen Zeilen merkt man, sie denkt Sachen wie: „So schlimm ist es doch gar nicht, wenn man von Rus­s­land über­fall­en wird. Warum erken­nen die Leute das denn nicht?“

Bei den Putin-Sym­pa­thisan­ten han­delt es sich über­wiegend um Men­schen, die vom Ver­lauf ihres Lebens aus unter­schiedlichen Grün­den stark frus­tri­ert und ent­täuscht sind. Diesen Lebens­frust kom­pen­sieren und sub­lim­ieren sie, indem sie äußere Feinde find­en und die offene und freie Gesellschafts­form ablehnen.

Als ver­bit­terte und autoritär denk­ende Men­schen fällt es ihnen schw­er, sich in Krisen­zeit­en kreativ und lebendig für die Gesellschaft einzuset­zen. Hier­für fehlt ihnen die geistige Beweglichkeit. Mit ihrer Sym­pa­thie für das autoritäre Regierung­sprinzip zeigen sie, von den Her­aus­forderun­gen und Ansprüchen des 21. Jahrhun­derts men­tal und intellek­tuell über­fordert zu sein.


Neonazis in der Ukraine


Putin behauptet, die Ukraine auch deshalb ange­grif­f­en zu haben, weil dort ange­blich Neon­azis das Land regieren und die Bevölkerung mis­shan­deln. Nazis sind Faschis­ten und Faschis­mus ist eine Gewaltherrschaft, der kom­mu­nis­tis­chen Gewaltherrschaft ähn­lich. Nur in den Ide­olo­gien unter­schei­den sich diese autoritären Staats­for­men voneinan­der — nicht im Charak­ter.

Als 1939 Nazi-Deutsch­land die UdSSR über­fiel, war es deshalb nicht so, dass zwei unverträgliche poli­tis­che Sys­teme aneinan­derg­eri­eten (so wie Demokratie und Dik­tatur). Kom­mu­nis­ten und Faschis­ten benutzen zum Machter­halt das gle­iche Herrschaftsin­stru­ment: Gewalt gegen die eigene Bevölkerung und es wird auch sehr viel gel­o­gen, bet­ro­gen und manip­uliert. Hitler-Deutsch­land und die UdSSR waren deshalb keine Geg­n­er im eigentlichen Sinn, son­dern nur Konkur­renten um die Vorherrschaft.

Heutzu­tage sind Faschis­mus und Kom­mu­nis­mus bzw. unter­schiedliche For­men der Autokratie keine Konkur­renten mehr, son­dern eher poten­ziell Ver­bün­dete. Man erken­nt das auch gut daran, dass Link­sex­trem­is­ten und Recht­sex­trem­is­ten heute gemein­sam an Demon­stra­tio­nen teil­nehmen, obwohl sie ide­ol­o­gisch eigentlich diame­tral miteinan­der ver­fein­det sind.

Bei­de haben die gle­ichen Inter­essen und Ambi­tio­nen (die Herrschaft über das Volk mit­tels Gewalt), die sie lediglich auf unter­schiedliche Arten, mit unter­schiedlichen Ide­olo­gien recht­fer­ti­gen und realisieren.

Neonazis in Russland

Putin begrün­det unter anderem seinen Krieg gegen die Ukraine mit der Tat­sache, dass es dort Neon­azis gibt. Doch in fast allen Län­dern der Erde gibt es heutzu­tage Neon­azis. Selb­st in Israel gibt es inzwis­chen jüdis­che Neon­azis!

Gin­ge es ihm also um die Bekämp­fung von Neon­azis, hätte er selb­stver­ständlich erst die im eige­nen Land bekämpft. Denn auch dort gibt es heute welche, wahrschein­lich sog­ar mehr als in der Ukraine. Gegen diese hat Putin jedoch nichts. Sind rus­sis­che Neon­azis denn etwas Gutes (etwa weil sie Putin nüt­zlich sein können)?


Keine Lust, Teil einer demokratischen, offenen und freien Welt zu sein


Putin meint, im 21. Jahrhun­dert in Europa einen Angriff­skrieg gegen ein Nach­bar­land führen zu dür­fen, so als hätte sich die Welt seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhun­derts nicht verän­dert. Doch diese Welt gibt es schon längst nicht mehr.

Rus­s­land in Gestalt von Putin will nicht wahrhaben, dass es die Welt und damit den Geist des mit­tleren 20. Jahrhun­derts, das ihn men­tal geprägt hat, nicht mehr gibt. Er denkt, er hätte das tra­di­tionale Recht, seine Nach­bar­län­der als Rus­s­lands Ein­fluss­bere­ich zu ver­ste­hen und nach belieben über sie ver­fü­gen zu kön­nen. Dass man ihm dieses Recht nicht zugeste­ht, verü­belt er der west­lichen Welt.

Von 50 Jahren hätte die Welt­ge­mein­schaft Rus­s­land den Über­fall auf ein europäis­ches Nach­bar­land wahrschein­lich noch durchge­hen lassen. Doch wir leben heute in ein­er anderen Welt, in der ein solch­es impe­ri­al­is­tis­ches Ver­hal­ten in Europa nicht mehr geduldet wer­den kann. Wäre Putin ein Men­sch des 21. Jahrhun­derts, wüsste er das.

Russland muss aufhören, eine Bedrohung für seine Nachbarländer zu sein

Die europäis­che Welt im 21. Jahrhun­dert kann keine mehr sein, in der sich ein Land ein­fach ein Nach­bar­land ein­ver­leibt. Das war vor 100 Jahren vielle­icht noch üblich und wurde von anderen Län­dern toleriert, solange diese selb­st darunter nicht zu lei­den hat­ten.

Doch diese Zeit­en sind vor­bei. Putin hat jedoch nicht ver­standen, dass es die Welt von damals nicht mehr gibt. Er wird immer noch vom Geist des Kalten Krieges beherrscht. Deswe­gen kann die demokratis­che Welt­ge­mein­schaft es nicht zulassen, was er ger­ade tut.

Als Putin 2001 im Deutschen Bun­destag eine Rede hielt und den Kalte Krieg für been­det erk­lärte, haben alle gedacht, Rus­s­land würde sich jet­zt der Welt zu öff­nen und mehr Demokratie zulassen. Doch er hat­te wohl eher gedacht, weit­er­hin eine Poli­tik betreiben zu kön­nen, wie sie im 20. Jahrhun­dert üblich war — nur unbe­hel­ligt von den west­lichen Staat­en.

Seine Ankündi­gun­gen von damals waren also eine Lüge mit der Absicht, Deutsch­land (und den anderen europäis­chen Län­dern) eine falsche Real­ität vorzugaukeln.

Die Lösung:

Rus­s­land muss aufhören, eine Gefahr und Bedro­hung für seine Nach­bar­län­der zu sein. Am besten wäre es, wenn er sofort seine Sol­dat­en abzieht und die soge­nan­nte „mil­itärische Spezial­op­er­a­tion“ für gescheit­ert erk­lärt. Anschließend tritt er als Präsi­dent zurück.

Das wäre natür­lich sein poli­tis­ches Ende, doch es kön­nte der Start für ein mod­ernes und zukun­ft­sori­en­tiertes Rus­s­land sein. Und wenn ihm Rus­s­land am Herzen läge, würde er seine Kar­riere auch gerne dafür opfern. Anschließend sollte Rus­s­lands neue Regierung diplo­ma­tis­che Beziehun­gen zum „West­en“ anstreben und ver­suchen, den ent­standen Schaden zu repari­eren.

Das wird höchst­wahrschein­lich nicht passieren — trotz­dem würde es funk­tion­ieren. Doch so wie es aussieht, inter­essiert sich Putin nicht für Rus­s­land, son­dern nur für sich selbst.


Putins Politik


Wenn sich Rus­s­land in Gestalt von Putin gedemütigt oder ungerecht behan­delt fühlt (Richard David Precht hat es sin­ngemäß so gesagt), liegt das nicht an ein­er ungerecht­en Behand­lung vom West­en und der NATO. Rus­s­land hat sich durch sein aggres­sives Ver­hal­ten lediglich isoliert und so gezeigt, kein Teil ein­er freien und offe­nen Welt sein zu wollen.

Putin führte Krieg gegen Tschetsche­nien, Abchasien, Südos­se­tien und Georgien, bedro­ht all­ge­mein seine Nach­barstaat­en und lässt oppo­si­tionelle Poli­tik­er umbrin­gen, sowie andere unlieb­same Per­son, beispiel­sweise kri­tis­che Jour­nal­is­ten. Außer­dem half er Syriens Dik­ta­tor Assad dabei, das syrische Volk zu bekämpfen. All das macht und machte er vor der Weltöf­fentlichkeit.

1999 verübten FSB-Agen­ten in seinem Auf­trag mehrere Sprengstof­fan­schläge auf rus­sis­che Wohn­häuser. Den let­zten kon­nte man nicht been­den, da man dabei erwis­chen wurde — wodurch das ganze auf­flog. Durch diese Anschläge star­ben fast 400 Russen. Putin machte tschetschenis­che Sep­a­ratis­ten dafür ver­ant­wortlich, um einen Grund für einen Angriff auf Tschetsche­nien zu haben. Genau­so wie Stal­in sind also auch ihm die rus­sis­chen Bürg­er egal.

Dass Län­der wie Est­land, Let­t­land und Litauen der NATO beige­treten sind, hat Putin durch sein Dro­hver­hal­ten gegen diese Län­der selb­st ver­schuldet. Hätte sich Rus­s­land als fre­undlich­er und friedlich­er Nach­bar gezeigt, hät­ten diese Län­der keinen Grund gehabt, der NATO beizutreten und es auch nicht getan.

Verständnis für Putins Aggressivität

Wie ist es möglich, dass Putins Sym­pa­thisan­ten (die sich selb­st als Demokrat­en beze­ich­nen) Putin sein demokratie- und friedens­feindlich­es Ver­hal­ten nicht übel nehmen? Schließlich lässt er keine Krim­inellen oder Ter­ror­is­ten umbrin­gen oder wegsper­ren. Und die Kriege, die er führt, sind keine Vertei­di­gungskriege. Die Leute, die er umbrin­gen oder wegsper­ren lässt, haben nur seine Poli­tik kri­tisiert und fordern mehr Demokratie in Rus­s­land.

Dafür kann es nur einen Grund geben: Putins Sym­pa­thisan­ten sind gar keine richti­gen Demokrat­en — sie tun nur so! Men­schen, die im Leben nicht den Erfolg oder die Befriedi­gung find­en, die sie sich wün­schen, neigen lei­der ten­den­ziell dazu, andere dafür ver­ant­wortlich zu machen.

Das Märchen von der Gegnerschaft zwischen Russland und dem Westen

Putin ver­ste­ht die NATO bzw. den West­en als Gegen­spiel­er, aber das müsste nicht sein. Rus­s­land hätte die Möglichkeit, sich dem west­lichen Stan­dard anzu­passen und auch ein offenes, demokratis­ches und freies Land zu wer­den. Aber das will Putin nicht bzw. die rus­sis­chen sozial-poli­tis­chen Struk­turen lassen eine Demokratisierung nicht zu.

„Putin­ver­ste­her“ sol­i­darisieren sich mit ihm, weil Rus­s­land ange­blich von der west­lichen Welt, der NATO, der UNO und der EU gedemütigt, provoziert und bet­ro­gen wurde. Doch das ist nicht wahr. Sie mögen diese Organ­i­sa­tio­nen ein­fach nicht — das ist alles. In Wirk­lichkeit hat keine dieser Organ­i­sa­tio­nen etwas getan, das als demüti­gend oder provozierend gew­ertet wer­den könnte.

Kein Interesse an einem modernen Russland

Warum ist Putin nicht an einem mod­er­nen Rus­s­land inter­essiert, das gle­ich­berechtigt neben den anderen Staat­en existiert? Er kön­nte es möglich machen. Wahrschein­lich liegt es an dem frei­heitlichen und offe­nen Charak­ter der wes­teu­ropäis­chen Staat­en. Und von Offen­heit und Frei­heit fühlt sich Putin bedro­ht, denn bei­des gefährdet seine uneingeschränk­te Macht.

Mehr wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit mit dem West­en war ihm willkom­men, doch mehr Offen­heit und einen kul­tiviert­eren Umgang mit Rus­s­lands Nach­barvölk­ern und der eige­nen Bevölkerung lehnt er ab.


Putins Sympathisanten


Die Leute, die Ver­ständ­nis für Putins Ver­hal­ten haben, lei­den alle mehr oder weniger unter fun­da­men­talem Lebens­frust. Sie leben in ein­er offe­nen und freien Gesellschaft, haben also alle Möglichkeit­en, kön­nen diese jedoch nicht nutzen und sich nicht so ent­fal­ten, wie sie es gerne täten. Dieses per­ma­nente unter­schwellige Gefühl der Unzufrieden­heit lässt sie ver­bit­tern.

Es kann über­all beobachtet wer­den: Dort, wo Men­schen vom Ver­lauf ihres Lebens frus­tri­ert und ent­täuscht sind, sym­pa­thisieren sie schnell mit Putin, Trump und anderen Autokrat­en. Das kann kein Zufall sein. Gle­ich­es gilt für Ver­schwörungs­gläu­bige. Ich nenne dieses Ver­hal­ten deshalb »Das Unzufrieden­heitssyn­drom«.

Anfällig für Verschwörungstheorien

Putins Sym­pa­thisan­ten sind poli­tisch immer am linken und recht­en Rand ange­siedelt. Diese Beobach­tung ist inter­es­sant, denn eigentlich sollte man annehmen, dass entwed­er nur linkspoli­tisch oder recht­spoli­tisch ambi­tion­ierte Men­schen auf Putins Seite ste­hen kön­nen.

Deshalb scheint es diesen Leuten gar nicht um Putins Poli­tik selb­st zu gehen. Sie mögen ein­fach die Demokratie und die mod­erne, offene Gesellschaft nicht. Deswe­gen sind sie “auf Putins Seite”, denn der lehnt die offene und freie Gesellschaft eben­falls ab. Sie “trauen” der offen und freien Gesellschaft nicht, weil sie selb­st keine offe­nen und freien Men­schen sind. Deswe­gen wer­den sie von allem ange­zo­gen, was autoritär und geschlossen ist.